Economics, Politische Ökonomie und kritische politökonomische Forschung

Der Begriff Economics erinnert im Englischen an Physics, was nicht von ungefähr kommt, neidete doch ein großer Teil der Ökonomen die Erfolge der Physik. Entsprechend machten sie sich am Ende des 19. Jahrhunderts daran die mathematische Exaktheit der Physik nachzuahmen, ohne jedoch jemals den Prognoseerfolg aufweisen zu können, den ihre naturwissenschaftlichen Kollegen immer wieder unter Beweis stellten. Daher drängt sich der Verdacht auf, dass Economics in konzeptionellen Schwierigkeiten steckt, die einen vergleichbaren Fortschritt wie in den Naturwissenschaften bislang verhinderten. Aufgrund gesellschaftlicher Umstände ficht dies die Reputation der im deutschsprachigen Raum Volkswirtschaftslehre genannten Disziplin jedoch kaum an, was sicher die ein oder andere soziologische Untersuchung verdient hätte.

Die Politische Ökonomie, wie sie von den Klassikern Adam Smith, David Ricardo u.a. begründet wurde, wurde nach und nach durch Economics, die sog. Neoklassik, verdrängt, was nicht zuletzt der rigorosen Kritik Marxens geschuldet war. Das Unterfangen erwies sich durchaus als Erfolg, handelt es sich doch bei der Neoklassik nicht mehr um ein empirisch-wissenschaftliches Vorgehen sondern um ein deduktives Vorgehen, bei dem durch die Verallgemeinerung der Perspektive eines rationalen Nutzenmaximierungsagenten die unsichtbare Hand des Marktes als formal-mathematischer Beweis abgeleitet wird. Trotz des beeindruckenden Formalismus‘ blieben – wie gesagt – gute Prognosen im volkswirtschaftlichen Bereich Mangelware mit anderen Worten Zufall.

Ein einfacher Rückgriff auf die marxsche Arbeitswertlehre, so teuer sie gläubigen Marxisten auch erscheinen mag, bringt nicht viel, weil sie sich für empirische Überprüfung kaum zu eignen scheint, worin sie sich vom neoklassischen Ansatz nicht allzu sehr unterscheidet. Unbestreitbar scheint mir indes die Tendenz zur Produktivitätssteigerung, die dem Kapitalismus wegen der Konkurrenz innewohnt, die die Neoklassik schlicht leugnet. Sie befindet sich in dem Punkt übrigens in guter Gesellschaft mit vielen Keynesianern, für die Arbeitslosigkeit niemals wegen der Automatisierung entstehen kann sondern nur wegen falscher Konjunkturpolitik.

In welcher Hierarchie aber stehen Märkte zueinander? Wie beeinflussen etwa Warenterminbörsen die Beschaffungsmarktpreise, wie die Endkundenpreise? Welche Akteure treiben auf den Warenterminbörsen eigentlich Handel? In welcher Beziehung steht der Warenpreiskomplex zum Schuldenkomplex bzw. zum Handel mit Kreditverbriefungen? Um solche empirischen Fragen zu klären, bedarf es einer Datenbasis, die erst geschaffen werden muss, weil der Blickwinkel der etablierten VWL ganz anders ausgerichtet ist.

Nachdem auf dem 33c3 gezeigt wurde, wie man mit Hilfe von Data Mining einiges über Spiegel Online herausfinden konnte, frage ich mich, ob sich solche Werkzeuge auch für die Untersuchung „der Märkte” einsetzen lassen könnten. Auch Erhebungen von Kunden über die Preisentwicklungen von Gütern des täglichen Bedarfs wären interessant, hat man doch immer mehr den Eindruck, als verzerrte die veröffentlichte Inflationsrate ein wenig das Bild, weil die Gewichte der Preies oft recht kontraintuitiv verteilt werden. Es wäre auch ein Ansatz von Wissenschaft von unten, um überhaupt eine Wissenschaft von der Wirtschaft bzw. eine kritische politische Ökonomie zu begründen, die diesen Titel verdient.

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