Untergang des Kapitalismus aus kapitalismusfreundlicher Sicht

Die nachfragetheoretischen Freunde des Kapitalismus sehen das gegenwärtige System auf den Abgrund zusteuern, weil Staat, Haushalte und Unternehmen nicht zugleich sparen können, die Banken daher keine neuen Schuldner mehr finden. Augenscheinlich funktioniert diese Politik in Deutschland bestens, nirgends ist davon zu lesen, dass es Proteste gegen die Schuldenbremsen geben würde. Vielmehr taumeln die Menschen wie bewusstlos durch die individualisierte Konsumwelt, was sie sich nach langer Arbeit verdient zu haben glauben, um schließlich mit hirnlosem Medienkonsum bereit für den nächsten Arbeitstag ins Bett zu fallen. Dieser eher traurige Befund würde Nachfragetheoretikerinnen gar nicht einmal stören, würden die Leute nur mehr konsumieren können, das Paradies wäre zum Greifen nahe.

Dass das Geschäftsmodell des Kreditinstitutes keine Grundlage mehr hat, wenn alle Wirtschaftsteilnehmer sparen, sich Verbindlichkeiten bei den Banken ansammeln, leuchtet eigentlich unmittelbar ein. Man sollte aber eventuell beachten, dass es eine Hierarchie von Gläubigern bzw. Vermögenden gibt, die ihre relative Position wohl behalten dürften, sollte sich aufgrund der genannten Entwicklung mittel- bis langfristig das Finanzsystem zusammenziehen. Absolut könnten die Vermögen schrumpfen, doch wird gesellschaftliche Stellung der Schwerreichen darunter nicht leiden. Sofern diese garantiert ist, geht für diese Kreise die Party weiter.

Da politische und wirtschaftliche Macht miteinander verwoben sind, spüren die Akteurinnen der deutschen Politik wegen der Exportstärke der deutschen Wirtschaft Rückenwind und lassen bisweilen die Muskeln spielen etwa gegenüber Griechenland. Die Frage ist nicht so sehr, ob die Gängelung des südosteuropäischen Landes makroökonomisch sinnvoll war und ist sondern, ob man sich durchsetzen kann. Ein Phänomen, was sich zuweilen auch in der Privatwirtschaft findet, wenn man beispielsweise an die Berufungen eines Mehdorn auf diverse leitende Posten denkt, obwohl der Mann seine Unfähigkeit immer wieder nachhaltig unter Beweis stellte.

Leider nehmen die Vertreter der nachfragetheoretischen Makroökonomie selten die historische Dimension in den Blick, verharren ganz wie ihre in der Neoklassik ausgebildeten konservativen Gegenspieler in einer ahistorischen Betrachtung. Diese Taktik mag sich in der Auseinandersetzung mit diesen auszahlen, verengt aber in fataler Weise den Horizont. Deswegen sollten sich auch die makroökonomisch Geschulten mit der jüngeren Geschichte befassen: Die Konstellation der Nachkriegszeit des 2. Weltkrieges veranlasste selbst konservative Regierungen umfangreiche soziale Sicherungssysteme in den Industrieländern einzuführen. Einerseits sah man sich dem Warschauer Pakt gegenüber, andererseits hatte man nicht zuletzt den ungezügelten Kapitalismus der Roaring Twenties als Ursache für den 2. Weltkrieg ausgemacht. Diese Konstellation ist seit den 1990er Jahren Vergangenheit, was meines Erachtens fatale Konsequenzen für die Durchsetzbarkeit nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik hat. Zwar würde ich zunächst den meisten Maßnahmen zustimmen, die die Nachfragetheorie im Köcher hat, würde sie aber eher als dem System abgetrotzt denn zu seinen Gunsten ansehen.

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