Erklärungsversuche für das Wahlverhalten der (frz.) Arbeiterklasse

Bei Burks Blog tauchte jüngst die Behauptung von Eribon auf, dass die französische Arbeiterklasse rechts wähle, weil der Front National als einziger den medialen Konsens aufkündige, dass der Kapitalismus für alle gut sei, während sie früher die kommunistische Partei wählte. Daran lässt sich wunderbar anschließen, dass jedes Abdriften der Unterschichten nach rechts, auf das Versagen der „Linken” zurückzuführen sei, um ein anscheinend beliebtes linkes Theorieversatzstück anzuführen. Der dagegen vorgebrachte Einwand zielt darauf ab, dass die Arbeiterklasse rechts wählt, um sich der drohenden Konkurrenz durch die Einwanderung zu erwehren und ihr Stück vom volkswirtschaftlichen Kuchen abzubekommen, das ihnen aus ihrer Sicht gewissermaßen qua Abstammung zustehe.

Die erstgenannte Erklärung unterstellt eine unbewusste gegen den Kapitalismus gerichtete Grundeinstellung ehemaliger linker Wählerschichten, letztere kommt ganz ohne Unbewusstes aus, ohne in meinen Augen dadurch unplausibel zu wirken. Ob es wirklich immer sinnvoll ist, eine tiefenpsychologische Erklärung zu suchen, sollte daher in meinen Augen infrage gestellt werden. Die historische Erfahrung zeigt schließlich, dass die Arbeiterklasse nicht zwangsläufig eine emanzipatorische Kraft darstellt, auch wenn die von Eribon betrachtete Teilmenge früher die Kommunisten wählte. Zwar gab es einstmals eine recht starke linke Arbeiterbewegung, die aber nicht die Gesamtheit der Arbeiterschaft umfasste.

Wenn politisch links sich in den Augen vieler Menschen auf Minderheitenschutz, moralisiertes Essverhalten sowie neue Wohlverhaltensregeln reduziert, was in einen linken moralischen Rigorismus ausarten kann, dann gerät eine antikapitalistische Perspektive komplett aus dem Blick. Am fatalsten sind dabei in meinen Augen Stimmen aus dem linken Spektrum, die besagten Minderheitenschutz für ein wirksames Mittel gegen den Kapitalismus halten. Man kann zwar davon ausgehen, dass rassistische Vorurteile oft von den Kapitalisten geschürt wurden, um die untergebenen Menschen zu entzweien, doch ist ein veganer, LBGT- und umweltfreundlicher sowie weltoffener Kapitalismus sehr wohl denkbar. Es hängt davon ab, welche Fraktion des Kapitals sich wie viel Gewinn ausrechnet.

Allein, die Probleme eines auf unendliches Wachstum ausgelegten Wirtschaftssystems verschwinden nicht einfach, wenn die Unternehmen sich an die neuen progressiven kulturellen Regeln halten. Möglicherweise liefern genau diese neuen kulturellen Formen noch zusätzliche Wachstumsimpulse, wenn z.B. für 32 soziale Geschlechter Toiletten in öffentlichen Einrichtungen gebaut werden müssen. Die Konkurrenz der Menschen untereinander hört deswegen auch nicht einfach auf, wird also trotz allerlei neuer Manieren das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft weiter untergraben usw..

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