Spekulation oder die Monetarisierung der Zukunft

Realisierbar und realistisch in der Marktwirtschaft ist, was Unternehmen möglichst hohe Gewinne in der Zukunft ermöglicht bzw. zu ermöglichen verspricht. Erwartungen spielen deswegen in den veröffentlichten Wirtschaftsnachrichten eine Hauptrolle. Die neoliberale Glaubensgemeinschaft ist übrigens der geradezu religiösen Überzeugung, dass diese marktwirtschaftlich gebildeten Erwartungen den unhinterfragbaren Ratschluss des Marktes darstellen, dem sich die Individuen zu unterwerfen hätten, um nicht in der sozialistischen Mangelwirtschaft zu landen. Die Erwartungen mögen bisweilen nicht in Erfüllung gehen, dann haben diejenigen Pech gehabt, die darunter zu leiden haben. So funktioniert nunmal die Evolution. Basta. Auf dieser Ebene ist der Neoliberalismus nicht angreifbar.

Die Spekulation ist – wie gesehen, in der neoliberalen Interpretation allemal – ein Kernbestandteil der marktwirtschaftlichen Realität. Nicht nur die Finanzinstitute und Broker spekulieren, wie man oft zu hören bekommt, auch die „Realwirtschaft” spekuliert auf zukünftige Gewinne oft gar auf zukünftige Gewinnsteigerungen. Die realisierten Gewinne werden wiederum bei den Finanzinstituten verbucht. Produzierendes Gewerbe und Finanzwirtschaft sind darum nicht voneinander zu trennen. Der spekulative Aspekt führt zu einer inhärenten Instabilität des kapitalistischen Wirtschaftssystems, verstärkt prinzipiell den Drang aller so schnell wie möglich so viel Geld wie nur irgend möglich anzuhäufen und auf die sichere Seite zu schaffen. Ein großer Teil der Bevölkerung kann kein Geld auf die Seite legen, weil er alles für den Konsum ausgeben muss, wäre bei verbesserter finanzieller Lage aber sicher geneigt, dies zu tun. Selbst wer etwas auf die Seite legen kann, hat nicht zwingend Möglichkeiten zur Einkommenssteigerung wegen abhängiger Beschäftigung usw., doch die Grundidee dürfte allen geläufig sein.

Für börsennotierte Aktiengesellschaften gehört die Gewinnerwartung, weil sie zu einem großen Teil den Aktienkurs beeinflusst, zur Zielgröße des Managements. Die Zukunft wird quasi in einen erwarteten Geldeinkommensstrom (auch Nettobarwert, net present value oder Kapitalwert genannt) umgerechnet. Gerade die Politik scheint sich zunehmend nach betriebswirtschaflichen Größen auszurichten. Kommt ein Beitrag über Bildungspolitik, steht im Hintergrund, ob der Wirtschaft genügend qualifiziertes Menschenmaterial für den Wettbewerb zu günstigen Preisen zur Verfügung gestellt werden wird. Die individuelle Familienplanung kann im Grunde schon in eine Nettobarwertkalkulation umgewandelt werden, eventuell bieten Versicherungsgesellschaften derartiges sogar schon an.

Entsprechend wurde der Begriff des Humankapitals seitens des neoliberalen Theoretikers Gary Becker geprägt. Alle sollen quasi Unternehmer ihres Selbst werden, ihren Nettobarwert maximieren und die Mitmenschen nach der Maßgabe der Nettobarwertmaximierung taxieren und ausnutzen. Dadurch richtet sich das Leben in der Marktwirtschaft nahezu durchgängig auf die monetarisierte Zukunft, erodiert das Nettobarwertkalkül letztlich das Vertrauen der Menschen untereinander. Sicher werden nicht viele außer für Unternehmenszwecke eine Kapitalwertrechnung für den zwischenmenschlichen Bereich anstellen, doch Aussprüche wie: „In eine Freundschaft investieren.” deuten darauf hin, dass das betriebswirtschaftliche Denken sehr weit ins Private vorgestoßen ist. Der Witz ist, dass mit Kapitalwertkalkulationen der Betriebe auch nur Tendenzen angegeben werden können, weil die Zukunft des Marktes unsicher ist. Sie ist derartig unsicher, dass es auch den allergrößten Schwachsinn zu kaufen gibt. Die Zahlenobsession des Kapitalismus macht aus ihm folglich noch kein rationales System zur Versorgung der Menschen mit Gütern.

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