Die abstrakte Herrschaft des Geldes und die wirtschaftliche Dynamik I

Während ein paar unentwegte Fans der untergegangenen Sozialdemokratie der 1960er und 1970er Jahre alle paar Wochen Aufrufe zur Neugründung verfassen, siehe z.B hier, verblassen die Fragen nach einer adäquaten Beschreibung der aktuellen wirtschaftlichen Dynamik, die die Politik inzwischen ganz der neoliberalen Theorie gemäß im Schlepptau hinter sich her zieht.

Aus Geld mehr Geld zu machen, kann getrost als Motor der wirtschaftlichen Dynamik angesehen werden, wie sie in der Kurzfassung G-W-G‘ bzw. G-G‘ bei Marx zum Ausdruck kommt. Trotz dieses Rückgriffs auf Marx kann man sich von der Arbeitswertlehre lösen beginnend mit der Überlegung, dass es Geldverwendung schon lange vor dem Kapitalismus gab, und ein ausgebildetes Geldwesen eine zentrale Voraussetzung für die Entstehung desselben gewesen sein dürfte. Anhänger der Marxschen Theorie mögen derweil ihren Aufschrei unterdrücken und einfach einen anderen Gedankengang zulassen.

Der Vorschlag lautet, Geld als eine soziale Konvention anzusehen, das irgendwann in der Antike sozusagen als soziales Novum entstand. Somit gehört es zum Bereich des Nomos bzw. der sozialen Gesetze. Der Clou daran ist folgender: Geld wird nur anerkannt, weil man damit rechnet, taugt aber zugleich nur als Recheneinheit, weil es anerkannt wird. Man hat es augenscheinlich mit einem Zirkel zu tun. Nur sind Zirkel nicht derart selten, wie man gemeinhin denkt. So kann man etwa im Verhältnis von Herr und Knecht oder Sklavenhalter und Sklave ähnliche Zirkel ausmachen. Auch anarchistisch Gesinnte dürfen gerne einmal darüber nachdenken, dass Herrschaft auf einer zirkulären logischen Struktur beruht, die man auch dialektisch taufen könnte. Allemal können Herr und Knecht nicht unabhängig voneinander gedacht werden. Ist es daher allzu abwegig von einer Herrschaft des Geldes zu sprechen?

Die Herrschaft des Geldes schließt keineswegs andere Herrschaftsverhältnisse wie die gerade erwähnten aus, sie ist nur abstrakter, indirekter und weitreichender. Man kann sich z.B. auf das Hoheitsgebiet eines anderen Staates begeben und unterliegt dann den dort geltenden Gesetzen, kann dort möglicherweise etwas tun, was daheim verboten ist, doch wird man für sein Überleben auch in einem anderen Staat Geld benötigen.

Der Gelderwerb – in den Industrieländern zumal – ist daher sozusagen das Realitätsprinzip für die allermeisten Menschen im entwickelten Kapitalismus. Da Lohnarbeit wiederum für die meisten Menschen die einzige Einkommensquelle ist, liegt die theoretische Verkoppelung von Lohnarbeit und Geld durchaus nahe, stößt aber auf Schwierigkeiten. Unabhängig davon kann man das herrschende Realitätsprinzip des Kapitalismus dahingehend präzisieren, dass es ganz banal darin besteht, so viel Geld in so kurzer Zeit wie möglich zu machen. Auf der Ausgabenseite möchte man freilich möglichst wenig Geld ausgeben. Ob man Nutznießer des Realitätsprinzips ist, hängt von der sozialen Stellung in der (welt-)gesellschaftlichen Hierarchie ab.

Das Realitätsprinzip ist in den Industrieländern, seit die Lohntüte zur Metapher geworden ist, direkt gekoppelt an das Finanzwesen, weil üblicherweise Lohn oder Gehalt bzw. im Falle von Unternehmen Einnahmen aus Verkäufen auf Bankkonten verbucht werden. Banken verdienen aber Geld hauptsächlich mit Krediten, Einlagen sind für diese im Prinzip Verbindlichkeiten. Sie sind also bestrebt bis zur gesetzlichen Mindestreservegrenze, das ihnen anvertraute Geld weiterzuverleihen. Im Normalfall sind die größten Kreditnehmer die Unternehmen, die mit Krediten etwa Investitionsgüter nachfragen. Durch deren Kreditaufnahme erhalten z.B. Maschinenbauunternehmen Gutschriften, die auf deren Bankkonten landen und weiterverliehen werden können usw.. Letztlich gleichen sich Guthaben, also Vermögen, und Schulden, also Kredite, über den globalen Bankensektor gesehen per saldo aus. Das Geld verdienen die Banken bekanntermaßen durch die Zinsen meist in Abhängigkeit von der Laufzeit der Kredite.

Das Finanzwesen trägt durch diese Struktur seinen Teil zur wirtschaftlichen Dynamik bei und ist unabtrennbar von der sogenannten Realwirtschaft. Aktuell scheint sich auf Seiten der Banken in der EU ein Überschuss an liquiden Mitteln anzuhäufen, weil die EZB in großem Umfang Staats- und Unternehmensschulden aufkauft, die Kreditnachfrage jedoch nicht ausreichend hoch ist. Ein Teil dieser Guthaben bei der EZB dürfte in Aktien investiert werden, aber man würde die Bänker kaum über die Unbarmherzigkeit der negativen Zinsen stöhnen hören, wenn sie für das gesamte überschüssige Zentralbankgeld Anlagemöglichkeiten finden würden. Alles ist wohlgemerkt erklärbar aus dem Realitätsprinzip des Kapitalismus sogar der ganze übrige Finanzüberbau aus Versicherungen gegen steigende oder fallende Kurse verbriefter, d.h. in kleine Stücke geschnittener, Kredite aber auch Aktien usw., die unter dem Namen Derivate bekannt sind. Anscheinend gibt es Versicherungen von Versicherungen von Versicherungen usw. bis hinauf zur neunten Stufe, was verrückt erscheinen mag, solange man sich nicht klarmacht, dass dies allein der alle Menschen glücklich machenden Marktwirtschaft geschuldet ist, innerhalb derer nichts unversucht gelassen wird, realistisch zu sein.

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