Zu den Kernthesen der Wertkritik

Beim umhersurfen stieß ich auf zwei wertkritische Texte, die die Kerngedanken dieser Richtung der neuen Marxlektüre besser herauszubringen scheinen, als mir dies bisher unterkam. Zum einen wäre da Kurzens Beitrag von 1995, der mir auch deswegen kommentierenswert erscheint, weil der Text auch von 2016 datieren könnte, würde man die aktuellen Zeitbezüge daraus durch heutige ersetzen.

Diagnose: Herztod des Kapitalismus

Am hervorstechendsten ist die Kurzsche Äußerung, dass das Herz des Kapitalismus schon aufgehört habe zu schlagen und nur noch durch das Finanzwesen künstlich am Leben gehalten werde. Erstaunlich ist, dass die Lebensverlängerungsmaßnahmen trotz der ein oder anderen Stockung seit mehr als 20 Jahren den Zusammenbruch herauszögern konnten. Für einen Herztoten ist der Kapitalismus immer noch putzmunter, was selbst die verbissensten Kurzianer anerkennen müssten. Wer aber jahrzehntelang den Zusammenbruch prognostiziert, wird sich irgendwann die Frage gefallen lassen müssen, warum die Prognose sich seitdem nicht bewahrheitete.

Den Grund für den Herztod des Kapitalismus sieht die kurzsche Wertkritik im Mangel an vernutzter lebendiger menschlicher abstrakter Arbeit in der Warenproduktion. Aus sich heraus funktionsfähig sei der Kapitalismus nur, solange die Geldmenge mit der Menge produktiver abstrakter menschlicher Arbeit substantiell in Beziehung stehe. Dabei geht Kurz davon aus, dass das Geld die Erscheinungsform des Werts, der durch die abstrakte Arbeit geschaffen wurde, die wiederum die menschliche Energieverausgabung im betriebswirtschaftlichen Rahmen sei. Er folgt also der marxschen Arbeitswertlehre, lässt aber deren Probleme mit Polemiken gegen die bürgerlichen Schulen der VWL mehr oder minder elegant unter den Tisch fallen. Einzig die Idee aus dem wirtschaftlichen Kreislauf heraus, das Problem der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit vornehmen zu wollen, wird skizziert. So könne etwa der Haarschnitt für einen im Sinne der Kapitalakkumulation tätigen Arbeiter als produktiv gelten, während der Haarschnitt für einen Staatsbeamten nicht produktiv sei. Wie man diesen Ansatz für eine empirische Untersuchung fruchtbar machen könnte, darüber schweigt sich Kurz ebenso aber aus, wie über die anderen Schwierigkeiten der Arbeitswertlehre.

Im weiteren Verlauf des Textes beschreibt Kurz die Geschichte des Kapitalismus unter der referierten Optik der versiegenden produktiven abstrakten Arbeit, um dann zum eingangs erwähnten Schluss zu kommen, dass der Patient Kapitalismus bereits herztot sei, was mich zum zweiten wertkritischen Text bringt, in dem Ortlieb die reine Logik der Mehrwertproduktion darlegt.

Die reine Logik der Mehrwertproduktion

Ortlieb präsentiert zunächst zwei Zahlenbeispiele und anschließend eine formale Rechnung, die die von Kurz in dem anderen Text verwendete Logik ein wenig klarer werden lassen. Dem Marxschen Werk treu betrachtet er die Auswirkung einer technischen Produktivitätssteigerung mittels hypothetisch angenommener (abstrakter) Arbeitszeiten für die Herstellung eines Produktes. Da seine Darstellung nur einen Mausklick entfernt ist, brauche ich die ganze Rechnung hier nicht nachzuvollziehen. Wichtig ist nur, dass der Kapitalismus offenbar nach der Wertkritik dann in Schwierigkeiten kommt, sobald die (unbezahlte) Mehrarbeit, die sich der Kapitalist einverleibt, die notwendige (bezahlte) Arbeit übersteigt. Dies verstärkt sich mit wachsender Produktivität. Auf diesen Effekt hebt nun die Zusammenbruchstheorie ab und erklärt dem geneigten Leser schonmal den Herztod des Kapitals.

Während es mir fern liegt, die Tendenz des Kapitalismus zu immer größerer Produktivität zu bestreiten, kommen mir Zweifel bei der Verzahnung des Geldes mit der abstrakten Arbeit. Selbst Ortlieb unterläuft nämlich der Flüchtigkeitsfehler in seiner nur aus Arbeitszeiten bestehenden Rechnung mit dem Reallohn zu argumentieren, was nicht ganz richtig sein kann, denn es handelt sich in marxscher Diktion um eine Rechnung mit dem Arbeitswert, so hypothetisch sie auch sein mag. Lohn aber wird in Geld ausgezahlt nicht in Arbeitswert. Wie der Arbeitswert die Erscheinungsform des Geldes hervorbringt, ist doch die zentrale Frage der Arbeitswertlehre.

Eine andere Möglichkeit an das Problem heranzugehen, wäre das Geld und die sich durchsetzende allseitige Geldverwendung im Laufe des 17. Jahrhunderts als Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus zu begreifen. Einen Zusammenbruch kann man auf die Weise womöglich nicht mehr prognostizieren, weil keine wegbrechende Substanz das Geld entwerten wird. Dennoch sorgt die Konkurrenz der Unternehmen für die Produktivitätssteigerung, die zu Arbeitslosigkeit führt und tatsächlich ist keineswegs gesichert, dass aus irgendeinem Grund neue entstehen, wenn nur die Löhne hoch genug sind, wie manche Keynesianer dies zu behaupten scheinen.

Die Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte sah vor, auf niedrigere Löhne und Prekarisierung zu setzen, um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, was nur mit Hilfe einiger Zählmethodeninnovationen funktionierte, aber keinen durchschlagenden Erfolg brachte. Die aus dem Arbeitsprozess ausgeschiedenen Menschen sowie viele Leute im Niedriglohnsektor hängen von staatlicher Unterstützung ab, für die der Staat Schulden aufnehmen muss. All diese Überlegungen lassen sich anstellen, ohne den Patienten Kapitalismus für klinisch tot zu erklären.

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