Unternehmen wollen Gewinne erzielen. – Nein? – Doch! – Oh…

Jüngst wagten zwei Autoren vom Makroskop einen Blick in die Standardliteratur für BWL. Höchst erstaunt mussten sie feststellen, dass die handelsübliche Betriebswirtschaftslehre den Zweck eines Unternehmens darin sieht, dass ein Geldeinkommen erzielt wird. Anders als bei abhängig Beschäftigten nennt sich das erzielte Geldeinkommen im Fall eines Unternehmens Gewinn. Die beiden geben sich zutiefst erschüttert ob dieser schnöden so gar nicht humanistischen Maxime, sehen scheinbar eine Art Frevel darin, dass Wertschöpfung mit Geldeinkommens- bzw. Gewinnmaximierung in der Standardbetriebswirtschaftslehre identisch ist.

Wohl des bestürzenden Befundes wegen gruben sie in der Geschichte des Faches und fanden tatsächlich eine kritische Schule der Betriebswirtschaftslehre neben anderen, was aus heutiger Sicht wie ein Widerspruch in sich anmutet. Was erwartet man denn sonst von einem Unternehmen als möglichst hohen Gewinn einzufahren? Seit wann schert sich ein Unternehmen um die gesellschaftlichen Kosten von Produktion und Konsumtion, außer wenn es sich davon höheren Gewinn verspricht? Was man erfährt, ist immerhin, dass zur Zeit vergleichsweise idyllischer Verhältnisse an den deutschen Hochschulen der 1960er und 1970er Jahre der ein oder andere BWL-Lehrstuhl noch über normative Gebote des Wirtschaftens nachdenken konnte, ohne dafür vom Kollegium gleich ausgelacht zu werden.

Anstatt zu überlegen, warum die kritischen Ansätze der BWL heute kaum noch Beachtung finden, stellen sie sich bloß hinter die Forderung des von ihnen aus der Bibliothek gehobenen Schatzes der Arbeitsorientierten Einzelwirtschaftslehre nach emanzipatorischer Rationalität. Dies klingt geradezu marxistisch und soll gemeinwohlförderndes Wirtschaften in Betrieben beinhalten, wobei sie ein Verständnis von den Zielen des Wirtschaftens haben, bei dem ich mir verwundert die Augen rieb: „Schaffung von Nutzwerten, Bedürfnisbefriedigung, Sinnstiftung, Teilhabe aller, Nachhaltigkeit und Lebensqualität.” Die BWLerinnen der Zukunft wären in den Augen der beiden die Agentinnen des guten Lebens. Haben diese beiden Spaßvögel einmal einen Fuß in einen BWL-Hörsaal gesetzt? Dort sind fast nur Leute mit den sprichwörtlichen Dollarzeichen in den Augen unterwegs, auf die die genannten Ziele grotesk wirken würden.

Einmal mehr zeigt sich, wie stark sich das intellektuelle Klima seit den 1970er Jahren gewandelt hat. Allein, so recht kann ich nicht daran glauben, dass damals die kritische BWL einen allzu großen Einfluss hatte. In jedem Fall muss man wohl konstatieren, dass die liberal-konservative Variante der BWL den eindeutigen Sieg davongetragen hat. Reagonomics, Thatcherism und geistig-moralische Wende sorgten schließlich dafür, dass die betriebswirtschaftliche Rationalität ohne emanzipatorischen Gehalt auch zur zentralen Größe der Steuerung von Politik wurde, die Wirtschaft die Politik und nicht umgekehrt zu steuern begann.

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